20  Basiswissen Mathematik

20.1 Das Summenzeichen

In der Statistik haben wir es ständig mit Summen vieler Zahlen zu tun, etwa wenn wir aus n Beobachtungen x_1, x_2, \ldots, x_n einen Mittelwert berechnen. Ausgeschriebene Summen wie

x_1 + x_2 + x_3 + \cdots + x_n

sind lang und unübersichtlich, und bei allgemeinem n können wir sie nur mit Pünktchen darstellen. Mit dem Summenzeichen \sum (großes griechisches Sigma) können wir solche Summen kompakt schreiben.

WarnungSchreibweise

Für ganze Zahlen m \le n ist

\sum_{i=m}^{n} x_i = x_m + x_{m+1} + \cdots + x_n .

Dabei nennen wir

  • i den Summationsindex (Laufindex),
  • m die untere Grenze und n die obere Grenze,
  • x_i den Summanden.

Wir lesen: „Summe der x_i für i von m bis n“.

Der Index i durchläuft nacheinander alle ganzen Zahlen von m bis n. Für jeden dieser Werte werten wir den Summanden aus und addieren anschließend alle Ergebnisse. Die Summe besteht also aus n - m + 1 Summanden.

Beispiele

\begin{aligned} \sum_{i=1}^{5} i & = 1 + 2 + 3 + 4 + 5 = 15 \\ \sum_{k=1}^{4} k^2 & = 1^2 + 2^2 + 3^2 + 4^2 = 30 \\ \sum_{i=3}^{4} (2i + 1) & = (2 \cdot 3 + 1) + (2 \cdot 4 + 1) = 16 \\ \sum_{i=1}^{3} \frac{1}{i} & = 1 + \frac{1}{2} + \frac{1}{3} = \frac{11}{6} \\ \sum_{i=1}^{4} 5 & = 5 + 5 + 5 + 5 = 20 \\ \sum_{i=1}^{3} x_i\,y_i & = x_1 y_1 + x_2 y_2 + x_3 y_3 \end{aligned}

Summen in Summenschreibweise bringen

\begin{aligned} 2 + 4 + 6 + \cdots + 20 &= \sum_{i=1}^{10} 2i \\ 1 - \frac{1}{2} + \frac{1}{3} - \frac{1}{4} + \frac{1}{5} &= \sum_{i=1}^{5} \frac{(-1)^{i+1}}{i} \\ x_1^2 + x_2^2 + \cdots + x_n^2 &= \sum_{i=1}^{n} x_i^2 \end{aligned}

Offenbar ist die Summenschreibweise nicht eindeutig, so kann zum Beispiel die erste Summe auch geschrieben werden als

2 + 4 + \cdots + 20 = \sum_{i=0}^{9} (2i + 2)

Bemerkungen zur Schreibweise:

  • Der Name des Index ist beliebig. Es gilt \sum_{i=1}^{n} x_i = \sum_{k=1}^{n} x_k. Der Index existiert nur innerhalb der Summe (gebundene Variable).
  • Der Summand muss nicht vom Index abhängen, vgl. \sum_{i=1}^{4} 5 = 20.
  • Kurzschreibweise: Ist aus dem Zusammenhang klar, über welchen Bereich wir summieren, schreiben wir oft nur \sum_i x_i oder \sum x_i statt \sum_{i=1}^{n} x_i.
  • Leere Summe: Ist die obere Grenze kleiner als die untere (n < m), enthält die Summe keinen Summanden. Wir legen ihren Wert dann als 0 fest.

20.1.1 Rechenregeln

Alle folgenden Regeln erhalten wir unmittelbar, wenn wir die Summe ausschreiben und die bekannten Rechengesetze Kommutativ-, Assoziativ- und Distributivgesetz anwenden.

Konstante Summanden

\sum_{i=1}^{n} c = \underbrace{c + c + \cdots + c}_{n \text{ mal}} = n \cdot c

Allgemeiner gilt

\sum_{i=m}^{n} c = (n - m + 1)\cdot c

Der Einfachheit halber lassen wir für die nächsten Rechenregeln die Summen immer von 1 bis n laufen.

Konstanter Faktor

\sum_{i=1}^{n} c \, x_i = c \sum_{i=1}^{n} x_i

Um dies zu zeigen, benötigen wir das Distributivgesetz: Wir klammern c aus, c x_1 + c x_2 + \cdots + c x_n = c\,(x_1 + x_2 + \cdots + x_n) und schreiben die verbleibende Summe wieder mit dem Summenzeichen.

Summen und Differenzen

\sum_{i=1}^{n} (x_i \pm y_i) = \sum_{i=1}^{n} x_i \pm \sum_{i=1}^{n} y_i

Aufgrund der Kommutativität der Addition dürfen die Summanden beliebig umsortiert werden.

Linearität

Kombinieren wir die obigen drei Regeln, so erhalten wir

\sum_{i=1}^{n} (a + b\,x_i) = n\,a + b \sum_{i=1}^{n} x_i .

Beispiel: Linearität

\sum_{i=1}^{10} (3 + 2i) = \sum_{i=1}^{10} 3 + 2 \sum_{i=1}^{10} i = 10 \cdot 3 + 2 \cdot 55 = 140

Zerlegen des Summationsbereichs

Für m \le k < n gilt

\sum_{i=m}^{n} x_i = \sum_{i=m}^{k} x_i + \sum_{i=k+1}^{n} x_i .

Häufig spalten wir auf diese Weise einen einzelnen Summanden ab, z. B. \sum_{i=1}^{n} x_i = x_1 + \sum_{i=2}^{n} x_i.

Indexverschiebung

Ersetzen wir den Index i durch j = i + r, so verschieben sich die Grenzen um r:

\sum_{i=m}^{n} x_i = \sum_{j=m+r}^{n+r} x_{j-r}

Ebenso können wir die Summationsreihenfolge umkehren: \sum_{i=m}^{n} x_i = \sum_{i=m}^{n} x_{m+n-i}.

Beispiel: Indexverschiebung

Setzen wir j = i - 2, so wird aus i = 3, \ldots, 7 der Bereich j = 1, \ldots, 5:

\sum_{i=3}^{7} i^2 = \sum_{j=1}^{5} (j + 2)^2 = \sum_{j=1}^{5} j^2 + 4 \sum_{j=1}^{5} j + \sum_{j=1}^{5} 4 = 55 + 60 + 20 = 135

Zur Kontrolle rechnen wir direkt: 9 + 16 + 25 + 36 + 49 = 135.

Teleskopsummen

Summieren wir Differenzen aufeinanderfolgender Glieder, heben sich alle inneren Glieder auf.

\sum_{i=1}^{n} (a_i - a_{i+1}) = a_1 - a_{n+1}

Beispiel: Teleskopsumme

Mit a_i = \frac{1}{i} erhalten wir

\begin{aligned} \sum_{i=1}^{n} \frac{1}{i^2 +i} & = \sum_{i=1}^{n} \left( \frac{1}{i} - \frac{1}{i+1} \right) \\ & = \left(1 - \tfrac{1}{2}\right) + \left(\tfrac{1}{2} - \tfrac{1}{3}\right) + \cdots + \left(\tfrac{1}{n} - \tfrac{1}{n+1}\right) \\ & = 1 - \frac{1}{n+1}. \end{aligned}

Doppelsummen

Werte mit zwei Indizes, etwa die Einträge a_{ij} einer Tabelle mit m Zeilen und n Spalten, summieren wir mit einer Doppelsumme. Dabei dürfen wir die Reihenfolge der Summation vertauschen:

\sum_{i=1}^{m} \sum_{j=1}^{n} a_{ij} = \sum_{j=1}^{n} \sum_{i=1}^{m} a_{ij}

Hängt der Summand als Produkt getrennt von i und j ab, zerfällt die Doppelsumme in ein Produkt zweier Einzelsummen:

\sum_{i=1}^{m} \sum_{j=1}^{n} x_i \, y_j = \left( \sum_{i=1}^{m} x_i \right) \left( \sum_{j=1}^{n} y_j \right)

Beispiel: Doppelsumme über eine Tabelle

a_{ij} j = 1 j = 2 j = 3 Zeilensumme
i = 1 1 2 3 6
i = 2 4 5 6 15
Spaltensumme 5 7 9 21

Summieren wir zuerst über j (Zeilensummen) und dann über i, erhalten wir 6 + 15 = 21. Summieren wir zuerst über i (Spaltensummen) und dann über j, erhalten wir 5 + 7 + 9 = 21.

Übersicht

Tabelle 20.1: Rechenregeln für das Summenzeichen
Regel Formel
Konstante Summanden \sum\limits_{i=1}^{n} c = n\,c
Konstanter Faktor \sum\limits_{i=1}^{n} c\,x_i = c \sum\limits_{i=1}^{n} x_i
Summen und Differenzen \sum\limits_{i=1}^{n} (x_i \pm y_i) = \sum\limits_{i=1}^{n} x_i \pm \sum\limits_{i=1}^{n} y_i
Linearität \sum\limits_{i=1}^{n} (a + b\,x_i) = n\,a + b \sum\limits_{i=1}^{n} x_i
Zerlegung \sum\limits_{i=m}^{n} x_i = \sum\limits_{i=m}^{k} x_i + \sum\limits_{i=k+1}^{n} x_i
Indexverschiebung \sum\limits_{i=m}^{n} x_i = \sum\limits_{j=m+r}^{n+r} x_{j-r}
Teleskopsumme \sum\limits_{i=1}^{n} (a_i - a_{i+1}) = a_1 - a_{n+1}
Vertauschen \sum\limits_{i}\sum\limits_{j} a_{ij} = \sum\limits_{j}\sum\limits_{i} a_{ij}
Produkt von Summen \sum\limits_{i}\sum\limits_{j} x_i\,y_j = \left(\sum\limits_{i} x_i\right)\left(\sum\limits_{j} y_j\right)
WichtigTypische Fehler

Die folgenden „Regeln“ sind falsch:

\begin{aligned} \sum_{i=1}^{n} x_i^2 &\neq \left( \sum_{i=1}^{n} x_i \right)^2 \\ \sum_{i=1}^{n} x_i\,y_i &\neq \sum_{i=1}^{n} x_i \cdot \sum_{i=1}^{n} y_i \\ \sum_{i=1}^{n} \frac{x_i}{y_i} &\neq \frac{\sum_{i=1}^{n} x_i}{\sum_{i=1}^{n} y_i} \\ \sum_{i=1}^{n} (x_i + c) &\neq \sum_{i=1}^{n} x_i + c \qquad \text{(richtig: } + n\,c \text{)} \\ \sum_{i=1}^{n} c &\neq c \qquad\qquad\qquad\;\; \text{(richtig: } n\,c \text{)} \end{aligned}

20.1.2 Wichtige Summenformeln

Für einige der häufig auftretenden Summen kennen wir geschlossene Formeln.

Die Gauß’sche Summenformel

\sum_{i=1}^{n} i = \frac{n(n+1)}{2}

Die Summe der Quadrate

\sum_{i=1}^{n} i^2 = \frac{n(n+1)(2n+1)}{6}

Die geometrische Summenformel

\sum_{i=0}^{n} q^i = \frac{1 - q^{n+1}}{1 - q} \qquad (q \neq 1)

Beispiel: Summenformeln anwenden

\begin{aligned} \sum_{i=1}^{100} i &= \frac{100 \cdot 101}{2} = 5050 \\ \sum_{i=1}^{4} i^2 &= \frac{4 \cdot 5 \cdot 9}{6} = 30 \\ \sum_{i=0}^{4} 2^i &= \frac{1 - 2^5}{1 - 2} = 31 \end{aligned}

Mit den Rechenregeln können wir diese Formeln herleiten.

Gaußsche Summenformel. Wir setzen S = \sum_{i=1}^{n} i. Kehren wir die Summationsreihenfolge um, gilt auch S = \sum_{i=1}^{n} (n + 1 - i). Addieren wir beide Darstellungen, erhalten wir

2S = \sum_{i=1}^{n} \bigl( i + (n + 1 - i) \bigr) = \sum_{i=1}^{n} (n + 1) = n(n+1).

Geometrische Summenformel. Wir setzen S = \sum_{i=0}^{n} q^i. Mit den obigen Rechenregeln und der Teleskopsumme folgt

(1 - q)\,S = \sum_{i=0}^{n} q^i - \sum_{i=0}^{n} q^{i+1} = \sum_{i=0}^{n} \left( q^i - q^{i+1} \right) = 1 - q^{n+1}.

Für q \neq 1 dürfen wir durch 1 - q teilen.

20.1.3 Indexschreibweise

Es gibt Situationen, in denen wir nicht über aufeinanderfolgende Zahlen summieren, sondern über die Elemente einer Menge. Dann geben wir am Summenzeichen nicht die Unter- und Obergrenze an, sondern die Menge, deren Elemente der Index durchläuft.

Beispiel

Wir geben die Menge M = \{2, 3, 5, 7\} vor, dann ist

\sum_{i \in M} x_i = x_2 + x_3 + x_5 + x_7.